29.10.2020

Nach 14 Tagen bühnenreif

Klasse 12 der Freien Waldorfschule Ludwigsburg inszeniert "Der Belagerungszustand" von Camus

 

Nihilist Nada (rechts), gespielt von Paul Böhringer, arrangiert sich mit der neuen Bürokratie und zeigt zugleich ihre Absurdität auf    Der König steigt vom Thron und überlässt die Stadt der Pest (rechts), gespielt von Doron von Kolzenberg    Diego (Mitte), gespielt von Benjamin Lung, opfert sein eigenes Leben und rettet so die Stadt und das Leben seiner Geliebten vor der Pest (rechts)

 

Gemäß Absprache hätten die Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse der Freien Waldorfschule Ludwigsburg den Text zu ihren Rollen in den Sommerferien lernen sollen. Doch dann kam das Ferienende bei vielen wohl schneller als gedacht.  Am Ende blieben genau die zwei Wochen vor den Aufführungen von Mittwoch bis Samstag (21. bis 24. Oktober) der vergangenen Woche, um die notwendige Textsicherheit zu erlangen.

 

Klassenspiel Teil des Waldorf-Abschlusses

 

Die Zuschauer im gemäß Corona-Regeln luftig besetzten Festsaal in der Fröbelstraße merkten jedenfalls nichts mehr vom Schlendrian in den Ferien. Die jungen Akteure brachten das Stück „Der Belagerungszustand“ von Albert Camus hoch motiviert und textsicher zur Aufführung. Ein Beleg dafür, dass in der Klasse ein besonderer Geist herrsche und ein Zusammenhalt gewachsen sei, wie er ihn selten erlebt habe, sagt Lehrer Arnulf Bastin. Der Pädagoge hatte das Klassenspiel, das Teil des Abschlusses an der Waldorfschule ist, gemeinsam mit den Schülern einstudiert. 

 

Im Belagerungszustand beschreibt Camus eine fiktive Situation in der andalusischen Hafenstadt Cádiz. Dort werden die Bürger zunächst durch das Auftauchen eines Kometen beunruhigt und sehen sich dann unvermittelt mit einer Schreckensherrschaft durch die allegorischen Gestalten Pest und Tod konfrontiert.

 

Die beiden unterwerfen sich die Bürger mit Angst, in diesem Fall der Angst vor dem Schwarzen Tod, und sie führen eine absurde Bürokratie aus Verordnungen ein, welche die Menschen demoralisiert. „Die erste Verordnung erlaubt Dir ein Geschäft zu führen, die zweite verbietet Dir, etwas darin zu verkaufen“, erläutert die Figur Nada einem Ladenbetreiber die neue Normalität.

 

Ohne Angst gelingt die Wende

 

Nada (spanisch für Nichts) ist eine verkrachte Existenz und ein Säufer, der von Paul Böhringer mit beeindruckender Gestik in der Maske eines grauhaarigen alten Obdachlosen gespielt wurde. Er spricht immer wieder Wahrheiten aus, auch weil ihm alles egal ist, und weil er nichts zu verlieren hat. So gelingt es ihm und Diego, dem Helden des Stückes, der sich auf Grund seiner Liebe zur Tochter eines Richters der Angst widersetzt, die installierte Maschinerie aus Pest und Tod aufzuhalten.

 

Das Bühnenwerk des französischen Existenzialisten Camus, das 1948 in Paris uraufgeführt wurde, hatten sich die Schüler selbst ausgewählt. Laut Lehrer Bastin mag dies daran gelegen haben, dass es das jüngste der angebotenen Stücke war. Er räumt aber auch ein, dass der Belagerungszustand nicht nur historische Bezüge zur spanischen Revolution von 1823 und zur Zeit der Deutschen Besetzung Frankreichs in den Jahren 1940 bis 1944 aufweist. „Wir wollen mit der Aufführung kein politisches Statement zur aktuellen Situation in Deutschland abgeben“, sagte Bastin anlässlich der Begrüßung der Zuschauer. Ob und in welcher Form es Parallelen zu Corona, Lock-down und Maskenpflicht gebe, könne ja jeder für sich entscheiden. Ein spannendes Thema also, welches zum Nachdenken anregt